Frau sein – was heißt das eigentlich?

 

Vom Neofeminsmus der gar nicht so neo ist.

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Es ist kaum zu übersehen: Die Vagina ist im Vormarsch und trällert dabei ihr matriarchales Lied „Run the world (Girls)“ von Beyoncé. Wombyoga, Göttinnen-Retreats, Frauenzirkel, Gehaltsanpassungsdebatten und Sisterhood wispern zärtlich unisono: The future is female!

In Sachen Frauenbewegung ist schon so einiges passiert. Die Frau hat sich ihre Unabhängigkeit erobert und lässt sich schon lange nicht mehr die Butter von ihrem Bio-Brot nehmen. Und doch wittere ich eine unübersehbare Richtungsänderung im Mumu-Marsch. Während bisweilen Frau sehr darauf bedacht gewesen ist, dem Manne in nichts nachzustehen, kopierte sie nicht nur Kleidungsstil, sondern auch Verhalten und Attitüde. Die Powerfrau im schicken Hugo Boss Anzug war geboren, die „Sex wie ein Mann“ hat, selbst die Bohrmaschine schwingt und ihr Essen verdammt noch mal selbst bezahlt.

Und hey! Ein extrem wichtiger Schritt des Feminismus. Aber er führt dennoch nicht raus aus dem Patriarchat. Und eigentlich auch logisch: Wenn wir Frauen uns den Männer immer weiter anpassen, schwappt das Yang schwupsdiwups über das Yin hinweg und ehe wir uns versehen, ist da nur noch schwarz. Not supposed to be, though!

Frauen und Männer sind nicht gleich. Punkt. Gleichberechtigt, ja. Aber nicht gleich. Und genau dieser Erkenntnisgehalt wabert nun immer dringlicher durch die Sphären und rückt die Frau bzw. die weibliche Energie wieder ins rechte Licht. Die Rückbesinnung der Frau auf ihre ureigenen Stärken und Kräfte. Ihre Rolle im großen Ganzen.

Aber wow, I mean: Was ist das, dieses Frau Sein? Eine Neukalibrierung ist gefragt.

Für mich auch ein aufregender Prozess, denn als ich noch jünger war, ging es mir ganz ähnlich: bereits in der Grundschule habe ich mich geweigert von Jungs gejagt zu werden, wusste mich selbst zu verteidigen und wollte immer besonders cool sein. Besonders aufgeklärt. Besonders abgebrüht. Mit meinem Vater warf ich Messer, baute Dämme und klebte Miniatureisenbahnhäuschen. Kleider trug ich nicht, und als die Nachbarin mich einmal als „süß“ titulierte, machte ich auf dem Absatz Kehrt. Die Pubertät kam und mir ihr das Interesse am anderen Geschlecht. Ich kopierte das mir am präsentesten Frauenbild: Mein Ausschnitt ging bis zum Bauchnabel, die Funkelohrringe hingen auf den Schultern und das Augenmakeup war noch aus kilometerweiter Entfernung zu erkennen. Zu Studienzeiten saß ich sprichwörtlich zwischen den (Geschlechter-Identifikations-) Stühlen. Der eine war pink und glitzerte. Der andere rostig und kupfern. Und so wurde mein Plüscheinhorn von Prinzessin Lillifee im Bücherregal vom Schädel meines Urgroßonkels Karl ergänzt. Ein cooles Mädel, indeed.

Und ja auch das alles ein wichtiger Schritt auf meinem Weg und definitiv Teil von mir. Versteht mich bitte nicht falsch. Mitnichten negiere ich die vorhandene Polarität inmitten des Individuums oder möchte die Vielschichtigkeit im Geschlechterverständnis schmälern. Aber was ist mein ureigenes gelebtes Verständnis meiner eigenen Sexualität? Das ist hier die Frage. Die Beschäftigung mit dieser Frage war und ist ein lohnenswerter wunderbarer Pfad, den ich jedem am liebsten in seinen (Lebens-)Reiseführer kritzeln möchte.

Zurück in die Gegenwart: Vor einer kleinen Woche fand ich mich in einem einschlägigen Seminar unter Frauen wieder. Sisterhoodlich schlossen wir unsere Augen: „In welcher Situation fühlst du dich am meisten Frau?" Eine schöne Frage. Und jede findet darauf ihre Antwort. Für mich ist das meine gewonnen Stärke in der Sanftheit. Ist jemanden in den Armen halten und durch die Haare streichen. Ist Hingabe an das Leben, Hingabe an den Körper und intuitives Handeln.

Wir Frauen schreiten also vom Yang zurück zum Yin. Von der Gleichwerdung hin zur energetischen Abgrenzung – und so wiederum hin zur Vollständigkeit. Ich nenne es liebevoll den Neofeminismus. Und dabei ist das gar nichts Neues. Denn schließlich wusste das Tantra schon vor Urzeiten um die besonderen Stärken der Frau und stellte sie nicht ohne Grund in das Zentrum der Verehrung und Wertschätzung.

Was heißt für dich Weiblichkeit?